Schweißtechnik
EXC 2 oder EXC 3: Wer die Ausführungsklasse festlegt
· 7 Min. Lesezeit
Die kurze Antwort
Die Ausführungsklasse legt der Tragwerksplaner fest, nicht Ihr Betrieb und nicht Ihre Zertifizierungsstelle. Sie leitet sich aus drei Eigenschaften des Bauwerks ab, nämlich aus der Schadensfolge bei einem Versagen, aus der Art der Beanspruchung und aus der Art der Herstellung. Ihre Aufgabe ist eine andere. Sie prüfen, ob die Angabe in den Unterlagen plausibel ist und ob Ihr Zertifikat sie trägt. Wer eine zu hohe Klasse ungeprüft übernimmt, liefert Prüfumfang und Nachweise, die er nicht schuldet und die niemand bezahlt.
Woher die Ausführungsklasse kommt
Die Ausführungsklasse ist keine Einstufung Ihres Betriebs. Sie ist eine Eigenschaft des Bauteils und entsteht in der Planung, lange bevor jemand ein Angebot einholt. Drei Größen führen zu ihr.
Die Schadensfolgeklasse. Sie beantwortet die Frage, was ein Versagen anrichtet. Sie stammt aus der EN 1990, dem Eurocode zu den Grundlagen der Tragwerksplanung.
| Klasse | Schadenspotenzial | Typisch dafür |
|---|---|---|
| CC1 | gering | landwirtschaftliche Gebäude ohne dauernde Personenbelegung |
| CC2 | mittel | Wohn-, Büro- und Gewerbebauten |
| CC3 | hoch | Tribünen, Krankenhäuser, Kraftwerke |
Die Betriebsbelastungskategorie. Sie unterscheidet, ob das Bauteil im Betrieb ruhig belastet wird oder ob Lastwechsel und Erdbeben eine Rolle spielen. SC1 steht für vorwiegend statische Beanspruchung, also für übliche Stützen und Träger im Hochbau. SC2 steht für Ermüdungsbeanspruchung, etwa bei Kranbahnen und Brücken.
Die Herstellungskategorie. Sie trennt einfache von anspruchsvoller Fertigung. PC1 umfasst nicht geschweißte Bauteile und einfache Schweißverbindungen. PC2 umfasst geschweißte Bauteile aus warmgewalztem Material ab S355 und geschweißte Hohlprofilkonstruktionen.
Aus der Kombination dieser drei Größen ergibt sich die Klasse.
| Beanspruchung und Herstellung | CC1 | CC2 | CC3 |
|---|---|---|---|
| SC1 mit PC1 | EXC1 | EXC2 | EXC3 |
| SC1 mit PC2 | EXC2 | EXC2 | EXC3 |
| SC2 mit PC1 | EXC2 | EXC3 | EXC3 |
| SC2 mit PC2 | EXC2 | EXC3 | EXC4 |
Zwei Dinge lesen Sie daraus ab. Erstens, das gewöhnliche Gewerbe- und Bürogebäude landet bei EXC2, und zwar unabhängig davon, ob geschweißt wird oder nicht. Zweitens, sobald Ermüdung ins Spiel kommt, springt dasselbe Gebäude auf EXC3. Bei ermüdungsrelevanten Konstruktionen und in der Erdbebenbemessung gilt mindestens EXC3.
Die Klasse darf angehoben werden, und dafür gibt es legitime Gründe. Der Auftraggeber kann sie vertraglich fordern. Landesbauordnungen und technische Baubestimmungen können mehr verlangen. Und wenn die statische Berechnung Unsicherheiten enthält, ist die höhere Klasse die vorsichtige Wahl. Abgesenkt werden darf sie vom Hersteller nicht.
Was sich zwischen EXC 2 und EXC 3 wirklich ändert
Für den Metallbau ist das die entscheidende Grenze, denn der Sprung von EXC2 auf EXC3 verändert vier Dinge gleichzeitig.
| Bereich | EXC 2 | EXC 3 |
|---|---|---|
| Stufe nach EN ISO 3834 | Teil 3, Standard-Qualitätsanforderungen | Teil 2, umfassende Qualitätsanforderungen |
| Schweißaufsicht | grundlegende technische Kenntnisse | umfassende technische Kenntnisse |
| Werkstoffnachweis nach EN 10204 | Typ 3.1 bei höherfesten Stählen | Typ 3.1 oder 3.2 |
| Zerstörungsfreie Prüfung | Sichtprüfung vollständig, weitere Verfahren je nach Nahtart | Sichtprüfung vollständig, dazu erhöhte Anteile Ultraschall, Durchstrahlung, Magnetpulver oder Eindringprüfung |
| Bewertungsgruppe der Nähte nach EN ISO 5817 | C | B bei den kritischen Nähten |
Die teuerste Zeile ist die vierte. Der Anteil zerstörungsfreier Prüfung entscheidet über Ihren Kalkulationsaufwand deutlich stärker als der Wechsel der 3834-Stufe, weil er an jedem einzelnen Bauteil hängt und nicht am System.
Die zweite Zeile klingt harmlos und ist es nicht. Welche Qualifikationsstufe Ihre Schweißaufsicht braucht, hängt nicht allein an der Ausführungsklasse, sondern zusätzlich an Stahlgruppe und Materialdicke. Wie diese drei Größen zusammenspielen und wo genau der Schweißfachmann nicht mehr reicht, steht im Beitrag Welche Qualifikation braucht Ihre Schweißaufsicht.
Der häufigste Fehler
Viele Betriebe fertigen konsequent nach EXC2 und geben die Klasse für alle Produkte pauschal an. Wirtschaftlich ist das oft vernünftig, weil ein einziges Zertifikat die Dokumentation der werkseigenen Produktionskontrolle spürbar vereinfacht. Der Fehler beginnt erst da, wo die pauschale Angabe die Prüfung ersetzt.
Vier Muster tauchen immer wieder auf.
- Die Klasse fehlt in der Ausschreibung. Der Hersteller kalkuliert nach eigener Annahme zu niedrig, und der Auftraggeber fordert später EXC3 nach. Die Differenz zahlt dann derjenige, der sie nicht eingeplant hat.
- EXC3 ist gefordert, das Zertifikat trägt nur EXC2. Das fällt spätestens bei der Lieferung auf und ist eine Nichtkonformität, keine Formalie.
- EXC2 pauschal ohne jede Prüfung der Schadensfolgeklasse. Das Ergebnis kann zufällig richtig sein. Belegen lässt es sich nicht.
- Der Subunternehmer hat kein eigenes Zertifikat. Damit ist die Kette unterbrochen, und zwar unabhängig davon, wie gut die Teile aussehen.
Die Klasse muss an vier Stellen zusammenpassen, nämlich in der Leistungsbeschreibung, auf den Werkstattzeichnungen, in Ihrer Dokumentation der werkseigenen Produktionskontrolle und in der Leistungserklärung zur CE-Kennzeichnung. Weicht eine Stelle ab, haben Sie ein Nachweisproblem und keinen Schreibfehler.
Wenn die Angabe fehlt oder nicht plausibel ist
Fehlt die Ausführungsklasse in den Unterlagen, klären Sie sie vor der Kalkulation. Verlassen Sie sich dabei nicht auf die verbreitete Annahme, ohne Festlegung gelte automatisch EXC2. Diese Auffangregel stammt aus einer älteren Fassung der Norm und trägt heute nicht mehr. Zuständig ist der Tragwerksplaner, nicht Ihre Zertifizierungsstelle und nicht der Einkauf des Auftraggebers.
Erscheint Ihnen die Angabe zu hoch, fragen Sie nach der Herleitung. Sie fragen dabei nicht nach einer Meinung, sondern nach drei nachvollziehbaren Größen. Welche Schadensfolgeklasse wurde angesetzt, liegt Ermüdungsbeanspruchung vor, und wie wurde die Herstellungskategorie eingestuft. Wer diese drei Fragen stellt, führt ein Fachgespräch und keine Preisdiskussion.
Erscheint Ihnen die Angabe zu niedrig, sagen Sie es ebenfalls. Eine zu niedrige Klasse ist das größere Risiko, weil sie am Bauwerk landet und nicht nur in Ihrer Kalkulation.
Der praktische Hebel ist unspektakulär. Eine kurze Prüfliste im Auftragseingang, die nach Ausführungsklasse, Stahlgruppe und Materialdicke fragt, fängt fast alle dieser Fälle ab, bevor sie Geld kosten.
Häufige Fragen
Darf ich als Betrieb die Ausführungsklasse selbst festlegen?
Nein. Die Festlegung ist eine Planungsaufgabe und gehört zum Entwurf. Ihr Betrieb darf eine geforderte Klasse auch nicht eigenständig absenken. Was Sie dürfen und sollten, ist die Angabe auf Plausibilität prüfen und eine unplausible Festlegung beim Tragwerksplaner ansprechen. Der Auftraggeber darf die Klasse vertraglich anheben, das ist zulässig und kommt vor.
Was passiert, wenn in der Ausschreibung keine Ausführungsklasse steht?
Dann klären Sie sie, bevor Sie kalkulieren. Verlassen Sie sich nicht darauf, dass ohne Festlegung automatisch EXC2 gilt. Diese Auffangregel stammt aus einer älteren Fassung der Norm und trägt heute nicht mehr. Die Ausführungsklasse gehört in die Ausführungsspezifikation. Fehlt sie dort, ist der Tragwerksplaner der richtige Ansprechpartner.
Brauche ich für EXC 3 zwingend einen Schweißfachingenieur?
Nicht in jedem Fall. Die nötige Stufe hängt nicht allein an der Ausführungsklasse, sondern zusätzlich an der Stahlgruppe und der Materialdicke. Bei den üblichen Baustählen und Dicken bis 25 Millimeter genügt in EXC3 der Schweißtechniker, darüber wird der Schweißfachingenieur verlangt. Bei höherfesten Stählen ist in EXC3 durchgehend der Ingenieur gefordert.
Gilt die EN 1090 auch für Innenbauteile ohne Tragfunktion?
Nein. Die Norm regelt die Ausführung tragender Bauteile. Ein Geländer, das keine Lasten aus dem Bauwerk aufnimmt, oder eine reine Verkleidung fallen nicht darunter. Die Abgrenzung ist im Einzelfall nicht immer eindeutig, etwa bei Treppen und Absturzsicherungen. Im Zweifel entscheidet die Funktion im Tragwerk, nicht die Optik des Bauteils.
Unsicher, ob die geforderte Klasse zu Ihrem Zertifikat passt?
Wie wir Metallbaubetriebe bei EN 1090 und Schweißaufsicht begleiten, steht auf der Seite Schweißtechnik. Wenn es schneller gehen soll, rufen Sie an unter 09187 7064267. Oder buchen Sie ein halbstündiges Erstgespräch, dann gehen wir Ihre Ausführungsklassen und Ihr Zertifikat gemeinsam durch. Was eine externe Schweißaufsicht kostet, steht im Beitrag Was kostet eine externe Schweißaufsicht.
Quellen
- Auswahl der Ausführungsklasse aus Schadensfolgeklasse, Betriebsbelastungskategorie und Herstellungskategorie: EN 1993-1-1, Anhang C. Der frühere informative Anhang B der EN 1090-2 wurde mit der Änderung A1:2024 gestrichen
- Festlegung der Ausführungsklasse durch denjenigen, der die Bemessung oder Bauteilspezifikation erstellt: Merkblatt DVS 1711, Ausgabe August 2016, Abschnitt 2.2
- Zuordnung der Ausführungsklasse zu den Qualitätsanforderungen nach EN ISO 3834: DIN EN 1090-2, Abschnitt 7.1
- Schadensfolgeklassen CC1 bis CC3: EN 1990, Eurocode Grundlagen der Tragwerksplanung, Anhang B
- Anforderungen je Ausführungsklasse an Schweißqualitätsstufe, Schweißaufsicht, Werkstoffnachweis, zerstörungsfreie Prüfung und Bewertungsgruppe: EN 1090-2 in Verbindung mit EN ISO 3834 Teile 2 bis 4, EN 10204 und EN ISO 5817
- Kenntnisstufen der Schweißaufsicht nach Ausführungsklasse, Stahlgruppe und Materialdicke: DIN EN 1090-2:2024-09, Abschnitt 7.4.3 mit den Tabellen 14 und 15
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